Sport — 21 Dezember 2017

Was am späten Dienstagabend in der Krefelder Sporthalle in Königshof passierte, darauf müssen manche Handballer lange warten.

Von einem solch irren Finale hört man höchst selten, geschweige denn es erleben zu dürfen. Für alle Beteiligten des Spieles mit doppelter Wertung gilt nun letzteres. Und wie unglaublich nah Glückseligkeit und die blanke Enttäuschung beieinander lagen, zeigte sich in den Sekunden nach der entscheidenden Szene.

Über sechzig Minuten lang hatten sich die Adler aus Königshof und das Löwenrudel aneinander abgearbeitet. Dabei sah es lange Zeit danach aus, als könnte sich das junge Gastgeberteam mit seiner agilen und emotionalen Spielweise durchsetzen. Stets lagen sie in Führung, wirkten wacher und zumindest in der Anfangsphase auch williger, sowohl die Meisterschaftspunkte als auch die das HVN-Pokalfinale für sich zu entscheiden. Das Rudel brauchte so seine Zeit, um auf Touren zu kommen. Hinten stellte man zu selten den Gegenspieler und vorn rieben man sich vor allem in Zweikämpfen gegen den robusten Krefelder Innenblock auf. Kaum ein Zweikampf konnte gewonnen werden, auch weil die Löwen erst gar nicht in eine druckvolle Seitwärtsbewegung kommen sollten.

Es spricht aber für den Charakter der Truppe, dass trotz aller Widrigkeiten nie aufgesteckt wurde. Mit der Zeit fanden sie über die emotionale Schiene den Zugang zum Spiel. Das äußerste sich vor allem in einer sich verbessernden Defensivleistung. Mit jeder gelungenen Aktion holten sich die Dumeklemmer hier die dringend benötige Sicherheit. So lief die erste Halbzeit mit einem knappen 12:10 zu Gunsten der Adler aus. Die Pausenbesprechung drohte nach dem Wiederanpfiff hingegen im Sande zu verlaufen. Zwei schnelle Gegentreffer zum 14:10 verschafften der DJK Auftrieb, das Rudel fand sich kurzerhand in einer extrem bedrohlichen Lage wieder. Die mannschaftliche Geschlossenheit war es, die es am Leben hielt.

Und mehr als das, denn ab Mitte der zweiten Halbzeit und einem Zwischenstand von 17:14 platzte plötzlich der Defensivknoten. Was durchrutschte, war dann auch oft Beute des immer stärker werdenden Jascha Schmidt und jede erfolgreiche Szene wurde von einer stehenden Bank bejubelt. Die Löwen spürten, dass nur über den Willen was ging. Das Spiel stand auf Messers Schneide, beide Teams gingen gleichauf in die Schlussminuten. Dabei waren weder Dominik Jungs 21:22 (57.) noch das 23:22 (59.) für die Adler der Schlussakkord. Es war ausgerechnet der für ausgewechselte Marcel Müller, der dem Spiel in der Schlussphase seinen Stempel aufdrückte. Er bediente nicht nur Kai Funke am Kreis, sondern setzte selbst den 23:23-Ausgleich eine knappe Minute vor Schluss. Die Adler versuchten zunächst, möglichst viel Zeit von der Uhr zu nehmen. Vierzig Sekunden waren noch zu spielen als mit Hilfe der letztverbliebenen Auszeit der letzte taktische Trumpf ausgespielt wurde. Doch die Löwen kämpften wie wild, behielten dabei kühlen Kopf und erzwangen das Zeitspiel.

Mit Mühe zügelte Khalid Khan die entstehende Aufregung mit einer Auszeit, der letzte Angriff wurde besprochen. Zum Abschluss kam das Rudel dennoch nicht. Es verblieb einzig ein Freiwurf aus zentraler Position. Es deutete alles auf eine Punkteteilung für die Meisterschaft und eine Verlängerung für den Pokal hin, als sich Marcel Müller die Kugel schnappte und zur Tat schritt. Sein Wurf wurde dermaßen (un-)glücklich abgefälscht, dass er auch noch dem ehemaligen Löwen Paul Keutmann durchrutschte. Ohne genau zu wissen, was genau passiert war, stürmten alle Löwen ungläubig den Platz und feierten den unverhofften Sieg.

Sicherlich, glücklicher kann ein solcher, gerade im Hinblick auf die Doppelwertung kaum sein. Eines wollte Kapitän Schütte aber dennoch klarstellen: „Ich habe jetzt innerhalb weniger Minuten ziemlich oft die Worte „unverdient“ und „glücklich“ gehört. Bei letzterem bin ich voll dabei. Mit mehr Glück kann ein Spiel nicht beendet werden. Alles hängt an diesem einen Wurf. Aber bei allem Verständnis für die Bitternis für die Gegenseite: Unverdient war dieser Sieg einfach nicht. Wir haben uns reingekämpft, sind gegen alle Widrigkeiten angegangen und standen so eng beieinander wie noch nie. Dann hat es eine Mannschaft auch verdient, zu gewinnen.“

Aufstellung SG: Schmidt, Ferne – Funke (3), Jung (5), Jacobs (1), Müller (3), Breuer (3), Wohlrabe, Schütte (5/4), Nitzschmann (3), Jäckel (1), Worm, Jonovski, Achenbach

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